Bundesakademie Führungsakademie
Bildung, Training und Beratung
für Menschen in Leitungs- und Führungsverantwortung.

Warum ein Evangelisches Gütesiegel Familienorierntierung?

 

Die Arbeitswelt im Umbruch

Wechsel zwischen Voll- und Teilzeit, Job-Sharing, Elternzeit für Väter, mobiles Arbeiten, Flexibilität für Mitarbeitende mit pflegebedürftigen Angehörigen - das sind nur einige Schlagworte, die sich hinter dem Vereinbarkeitsthema verbergen. Die Herausforderung ist für Arbeitgeber nicht neu. Dennoch haben in den letzten Jahren Entwicklungen stattgefunden, durch die Fragen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie an Bedeutung gewinnen.

Eine wesentliche Ursache für diese Entwicklungen ist der demografische Wandel. Schon heute ist ein Fünftel der Bevölkerung 65 Jahre oder älter, 2050 wird es ein Drittel sein. Gleichzeitig schrumpft der Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Die Belegschaften werden älter und die Suche nach Nachwuchskräften immer schwieriger. Hinzu kommen technische Innovationen, allen voran die Digitalisierung. Sie revolutionieren die Arbeitswelt und eröffnen neue Möglichkeiten, z. B. das mobile Arbeiten. Gleichzeitig finden eine gesellschaftliche Diversifizierung und ein Wertewandel statt. Individuelle Lebensläufe werden vielfältiger, die Verbindung von Beruf und Privatleben gewinnt bei jüngeren Generationen an Bedeutung. Frauen sind in steigendem Maße erwerbstätig und viele Paare streben eine gleichberechtige Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit an.

 

 

Vereinbarkeit in Kirche und Diakonie

Umfragen zufolge ist für neun von zehn Beschäftigten mit minderjährigen Kindern Familienfreundlichkeit genauso wichtig oder sogar wichtiger als das Gehalt. Etwa drei Viertel geben an, dass sie bereit wären, für eine bessere Vereinbarkeit ihren Job zu wechseln. Wollen Einrichtungen und Unternehmen ihr Personal halten und neue Mitarbeitende gewinnen, kommen sie nicht umhin, sich mit diesen Entwicklungen zu beschäftigen und ihre bisherigen Führungs- und Personalentwicklungskonzepte zu überdenken.

Dies gilt auch und gerade für diakonische und kirchliche Einrichtungen. Im Kontext evangelischer Wertvorstellungen gehört Familienbewusstsein zwar in Kirche und Diakonie zum allgemeinen Selbstverständnis. Doch es zeigt sich, dass diese Grundüberzeugung zwar individuelle Entscheidungen prägen kann, jedoch kaum im Rahmen einer familienorientierten Personalpolitik strategisch angegangen und umgesetzt wird. Die tatsächlichen Rahmenbedingungen für Familienfreundlichkeit hängen daher nicht selten von einzelnen Vorgesetzten ab. Dadurch fehlt es zum einen an Transparenz und Planungssicherheit für die Beschäftigten. Zum anderen entfällt die Möglichkeit, Maßnahmen der Familienorientierung gezielt zur Fachkräftegewinnung einzusetzen.

In den letzten Jahren wurden in Diakonie und Kirche Ansätze vorangebracht, um den Veränderungen durch eine stärker familien- und lebensphasenorientierte Personalpolitik zu begegnen. Beispielhaft sei hier die gestiegene Zahl der Landeskirchenämter genannt, die das audit berufundfamilie durchführen, sowie das Debora-Projekt der Diakonie Württemberg, das einen Fokus auf Frauen in Führungspositionen sowie Fragen der Vereinbarkeit legt. Der Gedanke, strategische Ansätze familienorientierter Personalpolitik durch ein eigenes Zertifikat zu fördern, wurde erstmals in der Diakonie Bayern aufgriffen. Hier haben diakonische Einrichtungen schon seit 2010 die Möglichkeit, ihre Angebote zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit Hilfe eines Gütesiegels Familienorientierung weiter zu entwickeln und sichtbar zu machen.  

 

 

Vereinbarkeit als Gewinn für alle

Ausprägung verschiedener Kennzahlen von sehr familienbewussten Unternehmen im Vergleich mit Unternehmen mit einem geringen Familienbewusstsein

Quelle: berufundfamilie gGmbH, 2012. In: DIHK, BMFSFJ (2015): Checkheft. Familienorientierte Personalpolitik für kleine und mittlere Unternehmen. Berlin

 

Nicht selten löst die Forderung nach einer flexiblen familienorientierten Personalpolitik sowohl auf Seiten der Personalverantwortlichen als auch bei den Mitarbeitenden zunächst Vorbehalte aus. Erstere befürchten, dass die Arbeitsorganisation erheblich erschwert wird. Manche Mitarbeitende befürchten, dass die Grenzen zwischen beruflichem und privatem Leben zu ihrem Nachteil weiter aufgeweicht und dadurch Zeiten von Arbeit und Freizeit noch weniger planbar werden. Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie funktionieren aber nur dann, wenn beide Seiten davon profitieren. Wenn Mitarbeitende im Arbeitsalltag Wertschätzung für ihre familiären Aufgaben erfahren, danken sie es in der Regel durch erhöhte Motivation und Einsatzbereitschaft (siehe Grafik).